Interview mit Trendforscher Peter Wippermann

"Man muss sich die Comfort Zone erkämpfen"

Trendforscher Peter Wippermann im Interview

22.12.2015 | Grafenfels Redaktion

Peter Wippermann ist einer der renommiertesten Trendforscher Deutschlands und Professor für Kommunikationsdesign an der Essener Folkwang Universität. Im Interview erklärt er die enorme Bedeutung der Comfort Zone für den Menschen.

Was steckt hinter dem Begriff Comfort Zone und was macht sie aus?

Die Comfort Zone ist ein geschützter Raum, den man selbst kontrolliert, selbst gestaltet und in dem man Ruhe finden kann. Das kann jede Art von real existierendem Raum sein, aber auch ein immaterieller Raum. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte „Digital Detox“, also die digitale Entgiftung. Dieser Trend beschreibt die Abkehr von der ständigen Verfügbarkeit. Die Menschen räumen sich heute Zeiten ein, in denen sie bewusst nicht erreichbar sind – unabhängig davon, wo sie sich gerade aufhalten.

Warum ist eine intakte Comfort Zone heute wichtiger denn je?

Die Überbeanspruchung beginnt heute schon im Vorschulalter. Heranwachsende üben sich bereits im Selbstmarketing in der virtuellen Welt. Sie versuchen sich schon festzulegen und eine Persönlichkeit zu signalisieren, obwohl sie noch mitten in der Entwicklung stecken. Die Beschleunigung des Lebens hat in allen Bereichen leistungsorientierte Ziele. Man soll im Job möglichst mit 30 schon längst ein Senior sein, gleichzeitig aber bis zum 67. Lebensjahr arbeiten. Dazu ist unser Alltag von unvorhergesehenen Dingen, der Sehnsucht nach Sicherheit, nach Ruhe und Entspannung geprägt.

Macht uns die Comfort Zone in unserer oft unübersichtlichen Arbeitswelt erfolgreicher?

Wir befinden uns momentan in einer Phase, in der die Individualisierung der Arbeitszeit begonnen hat. Also die eigenständige Entscheidung, wann ich Ruhezeiten nehme und wann ich dauerhaft in Belastung bin. Das kann man sehr schön an der Diskussion der Gewerkschaften und Betriebsräte verfolgen, die Angestellte von Konzernen vor E-Mails ihrer Vorgesetzten nach 18 oder 19 Uhr schützen möchten. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir Ruhephasen brauchen. Konzentrationsfähigkeit kann nur dann erreicht werden, wenn man auch Pausen einplant. Nur dadurch ist es überhaupt möglich, langfristig erfolgreich zu sein.

Was passiert mit Menschen, die nicht genügend Zeit in ihrer Comfort Zone verbringen?

Dafür gibt es die vereinfachte Bezeichnung des Burnouts, also die Dauerbeanspruchung in einem bestimmten Bereich. Das passiert, wenn man Regenerationszeiten ignoriert oder nicht in Anspruch nehmen kann.

Viele Soziologen machen sich für das Verlassen der Comfort Zone stark. 
Sie argumentieren, nur so könne sich die Persönlichkeit auf eine interessante 
Art und Weise weiterentwickeln. Was ist da dran?

Für mich ist das ein überholtes Konzept, in dem es darum geht, dass man nicht in seiner Routine erstarrt. Diese Diskussion entstand auf dem Höhepunkt der Freizeitgesellschaft der 90er-Jahre. Das war eine Zeit der Saturiertheit. Es herrschte das Klima einer extrem sicheren Welt. Man meinte, man könnte sich nur entwickeln, wenn man das alles verlassen würde. Seit dem Wechsel vom 20. auf das 21. Jahrhundert ist dieses Konzept nicht mehr relevant. Heute ist die Comfort Zone nicht mehr für alle selbstverständlich. Sie ist eher etwas, das man sich erkämpfen muss oder sich organisieren sollte.